Risikofaktoren für die Entstehung einer diabetischen Retinopathie

Auch wenn das Risiko, eine diabetische Retinopathie zu erleiden, mit der Dauer der Diabeteserkrankung steigt, so gibt es doch ganz entscheidende beeinflussbare Risikofaktoren, durch deren gute Einstellung sich das persönliche Risiko senken lässt.

Es lässt sich dabei nicht nur das Risiko senken, an einer diabetischen Retinopathie neu zu erkranken (Primärprävention), sondern bei Vorliegen einer diabetischen Retinopathie auch deren Verlauf hierdurch günstig beeinflussen (Sekundärprävention). Unabhängig davon werden auch weitere mögliche Folgen des Diabetes mellitus an anderen Organen positiv beeinflusst:

Der wichtigste beeinflussbare Risikofaktor ist die Blutzuckereinstellung: 

Es ist dabei bekannt, dass die Blutzuckereinstellung auf das Risiko der Retinopathie-Entstehung und auch auf das Voranschreiten dieser Netzhauterkrankung sogar noch über Jahre nachwirkt. Man spricht daher hier von einem „Blutzuckergedächtnis“ der Netzhaut. Mit anderen Worten, eine gute Blutzuckereinstellung zu einem frühen Zeitpunkt ist umso wichtiger. Auch das Vermeiden starker Schwankungen der Blutzuckerwerte senkt das Retinopathierisiko zusätzlich.Ein wichtiger Parameter der Qualität der Blutzucker-Einstellung ist der HbA1c-Wert (der bei einer routinemäßigen Blutuntersuchung mitbestimmt wird). Mit ihm lässt sich eine Aussage über die mittlere Blutzuckereinstellung der letzten 3 Monate treffen. Ein normnaher Wert unter 7,5% ist dabei in der Regel anzustreben. Andererseits ist bekannt, dass nach drastischer Reduzierung eines schlecht regulierten Diabetes (HbA1c über 12%) zunächst ein vorübergehend deutlich erhöhtes Risiko der Entstehung bzw. v. a. der Verschlechterung einer vorbestehenden diabetischen Retinopathie besteht. Dies betrifft vor allem Menschen mit bereits länger bestehendem Typ 1-Diabetes. Daher sollte vor der Blutzuckerneueinstellung nachgesehen werden, ob evtl. bereits eine diabetische Retinopathie besteht, damit diese rasch behandelt und ausreichend eng nachkontrolliert werden kann. Langfristig wirkt sich die gute Blutzuckereinstellung in jedem Falle klar positiv aus.

Der Blutdruck spielt ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Entstehung wie beim Voranschreiten einer diabetischen Retinopathie:

Insbesondere ist hiervon auch das Risiko beeinflusst, ein diabetisches Makulaödem (also eine Schwellung der Netzhautmitte) zu entwickeln. Gleichzeitig kann eine schlechte Blutdruckeinstellung auch das Risiko einer diabetischen Nierenerkankung erhöhen und diese wirkt sich wiederum nachteilig auf die diabetische Retinopathie aus. Bei Vorliegen eines Bluthochdrucks wirkt eine rasche und gute Blutdruckeinstellung positiv sowohl auf das Risiko, eine diabetische Retinopathie zu entwickeln, als auch auf weitere Komplikationen wie Nierenschädigungen, Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko.Als Zielwert der Blutdruckeinstellung gilt allgemein ein Wert von < 140/80 mmHg.

Es gibt ferner Hinweise, dass bestimmte blutdrucksenkende Medikamente (aus der Wirkgruppe der sogenannten ACE-Hemmer und AT1-Blocker) einen besonders positiven Effekt sowohl zur Vorbeugung einer diabetischen Retinopathie bzw. auf deren Verlauf haben.

Auch eine Erhöhung der Blutfettwerte, sowohl der sogenannten Triglyzeride, als auch des Cholesterins, wird in Zusammenhang mit der Entstehung einer diabetischen Retinopathie und insbesondere eines diabetischen Makulaödems gebracht: 

Bei erhöhten Blutfettwerten gibt es für Typ 2 Diabetes ferner Hinweise, dass bestimmte fettsenkende Therapeutika (sog. Fibrate) in der Lage sind, das Retinopathierisiko zu senken.

Rauchen – Nikotinkonsum – hat ebenfalls einen nachgewiesenen negativen Einfluss für das Risiko einer diabetischen Retinopathie. Hierzu gibt es für Typ 1-Diabetes mittlerweile klare Daten, während es für Typ 2-Diabetes zwar viele Hinweise dafür gibt, aber ein klarer Nachweis noch aussteht. Trotzdem empfehlen die Experten in den deutschen Leitlinien für Typ 2-Diabetes ganz klar, auf Nikotinkonsum zu verzichten.

Ein dänische Studie (Steno2-Studie) hat für Typ 2-Diabetes gezeigt, dass ein multifaktorieller Ansatz mit gleichzeitig guter Blutzuckereinstellung, guter Blutdruckregulierung (inklusive Gabe eines sogenannten ACE-Hemmers) und Behandlung von Fettstoffwechselstörungen in Kombination mit u. a. fettreduzierter Diät, regelmäßigem Sport und Verzicht auf Rauchen, das Risiko vieler Diabetes-Folgeerkrankungen klar senkt – darunter auch das der diabetischen Retinopathie. Gleichzeitig konnte dieses multifaktorielle Vorgehen die Lebensqualität der Teilnehmer deutlich verbessern.

 

→ Lässt sich eine diabetische Retinopathie immer verhindern?

Auch wenn die oben genannten Maßnahmen das Risiko für das Auftreten und auch für das Voranschreiten deutlich senken können, so lässt sich eine diabetischen Retinopathie dadurch nicht mit Sicherheit verhindern. Daher bleibt es wichtig, zusätzlich auch an der regelmäßigen Augenuntersuchung unabhängig von Sehbeschwerden teilzunehmen.

Durch Kombination guter Risikofaktoreinstellung, regelmäßiger Augenuntersuchungen und ggf. einer frühzeitigen augenärztlichen Behandlung ist eine Erblindung durch diabetische Retinopathie heutzutage zu vermeiden

 

→ Wann muss ich besonders aufpassen?

Es gibt Sondersituationen mit einem erhöhten Risiko dafür, eine diabetische Retinopathie zu entwickeln oder eine Verschlimmerung einer bereits bestehenden diabetischen Retinopathie zu erleiden:

So ist bei bestehender Diabeteserkrankung in der Schwangerschaft das Risiko einer diabetischen Retinopathie erhöht. Insbesondere das Risiko für die Verschlechterung einer vorbestehenden Retinopathie steigt an, so dass hier zumindest 3-monatliche Kontrollen angeraten werden. Auch das Vorliegen bestimmter Allgemeinerkrankungen, wie z. B. einer schweren Blutarmut (Anämie), einer diabetischen Nierenerkrankung oder auch z.B. nächtliches krankhaftes Schnarchen mit Atmungspausen (Schlaf-Apnoe) und andere Allgemeinerkrankungen können das Risiko des Voranschreitens einer diabetischen Retinopathie erhöhen.

Für die regelmäßige Diabetes-Augenuntersuchung ist daher nun auch vorgesehen, dass vom Hausarzt bzw. Diabetologen an den Augenarzt jeweils Befunde zu der jeweils spezifischen allgemeinen Risikosituation des Betroffenen bezüglich der Entwicklung oder des Voranschreitens einer diabetischen Retinopathie weitergeleitet werden und diese werden dann bei der Entscheidung über den Abstand der Augenkontrolluntersuchung berücksichtigt. Andererseits sollten Veränderungen des Sehvermögens – wie Sehminderung, Blitzesehen, Verzerrtsehen oder das Schattensehen – bei Diabeteserkrankung an das Vorliegen einer diabetischen Retinopathie denken lassen und sollten daher Grund für eine zusätzliche Augenkontrolle sein. Da aber auch starke Schwankungen des Blutzuckerspiegels eine Brechkraftänderung und damit Sehminderungen hervorrufen können, ist im Zweifel auch eine Überprüfung der Blutzucker-, aber auch der Blutdruckeinstellung anzuraten. So kann die Aufmerksamkeit des Betroffenen auf Warnsymptome helfen, eine Retinopathie früh zu entdecken bzw. zu verhindern.